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„Eine Theorie der Gesellschaft, wie sie sich in der soziologischen Systemtheorie niederschlägt, ist auf dem Weg ihrer gesellschaftlichen Vermeidung zustande gekommen.“ Warum? Weil Gesellschaft noch auf subjektphilosophische Sozialisierungs- und Anleitungsstrukturen ausgerichtet ist und bis heute immer noch entweder an Subjekte oder Organisationen als Agenten von Veränderung appelliert. Diese erfahren sich dann als selbstmächtig in Durchsetzungshandeln, Protesten, Demonstrationen, Predigten oder Publizistik. Nun sind Subjekte erstens selbst Produkt gesellschaftlicher Sozialisierung und damit schlecht geeignet diese zu verändern und stehen zweitens gegenüber Gesellschaft in einer derart radikalen Wirksamkeitsasymmetrie, dass die Hoffnung auf Subjekte einem Kinderglauben gleicht. Und für Organisationen gelten ähnliche Abhängigkeiten zusätzlich erschwert durch organisationelle Trägheit und Beharrungskräfte. Auf der anderen Seite geschieht das Insistieren auf dem autonomen und wirtschaftlich, politisch wie strafrechtlich verantworlichen Subjekt nicht einfach nur aus Tradition und Gedankenlosigkeit, sondern hat damit zu tun, dass „soziale Systeme auf psychi­sche Systeme angewiesen sind, die sinn-entnehmend operieren im Zuge neuronal gestützter Wahr­nehmung. Sie ist eine Bedingung der Möglichkeit phänomenalisierter Sinnwelten. Im Gegenzug statten soziale Systeme psychische Systeme durch Sozialisation mit der Sinnform aus.“ (Peter Fuchs, Die Unbeeindruckbarkeit der Gesellschaft – Ein Essay zur Kritikabilität sozialer Systeme).

Psychische Systeme werden durch Sozialisation mit Sinnformen ausgestattet – etwa in den historisch einander folgenden und einander überlagernden Subjektivierungsmodellen von Untertan, Bürger, Zuschauer, Konsument und heute vielleicht Publizist. Und gleichzeitig sind „soziale Systeme auf psychi­sche Systeme angewiesen, die sinn-entnehmend operieren im Zuge neuronal gestützter Wahr­nehmung“, was – denke ich – @christorpheus meinte, als er darauf hinwies, dass man Gesellschaft und Subjekt nicht einander entgegensetzen müsse auch wenn Gesellschaft nicht aus Subjekten sondern Kommunikationen besteht. Man könnte stattdessen „mit Konzepten [wie] Co-Evolution, Abweichungsverstärkung solche Entweder-Oder-Zuspitzungen als Artefakte eine Beobachters beobachten, der sich für ein Subjekt hält“. Luhmann nutzt, um das Verhältnis von Gesellschaftssystem und psychischem System zu beschreiben, den Begriff der Interpenetration.

Unsere Gegenwart hat also versucht auf den aus der bürgerlichen Aufklärung hervorgegangenen Unterscheidungen wie Reich der Natur und Reich der Freiheit, Subjekt und Erkenntnisobjekt, transzendentale Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis usw. usf. festzuhalten und sich nicht auf einen radikal evolutionären und konstruktivistischen Begriff von Gesellschaft einzulassen, die aus Kommunikationen besteht und das Subjekt in der Umwelt von Gesellschaft verortet. Dieses sich nicht einlassen auf eine prozessualen und ereignishaften Begriff von Gesellschaft ohne festen Halt in Gott, objektiver Welt oder Subjekt ist der Vermeidungsprozess von dem bei Klaus Kusanowsky immer wieder die Rede ist:

„Dieser Vermeidungsprozess hat auf der anderen Seite Gesellschaft als Problem hervorgebracht, das solange mit untauglichen Mitteln bearbeitet wurde, bis die Überschüsse dieses Vermeidungsprozesses es irgendwann zuließen, diese Vermeidung nicht länger zu vermeiden. @hansnoed

Wie immer, wenn das Denken, Beobachten und Beschreiben gesellschaftliche Veränderungen nicht so aufnimmt, wie sie sich vollziehen, dann entstehen Probleme im Handeln und Erleben, vieles wird unerkennbar, Gesellschaft reagiert mit Kulturkritik und Abwehr auf alle möglichen neuen Phänomene und landet immer wieder in denselben Aporien, wie der Tonarm eines Plattenspielers, der immer wieder zur selben Stelle zurückrutscht. Aber die Überschüsse – also das, was wir (noch) nicht beschreiben können, was sich (noch) nicht zu einer Ordnung gefügt hat – bleiben bestehen, insistieren und ‘beleidigen’ die tradierte Form der Beobachtung, die sich in eigentlich schon vergangenen Erfahrungsbedingungen verbarrikadiert hat. Es geht dann nicht nur darum, das zu ändern, ‘was’ man denkt, sondern die Art und Weise ‘wie’ein ‘was’ zu denken wäre und damit also neue Erfahrungsbedingungen zu erarbeiten – nicht als transzendentale unabhänderliche Anschauungsformen und Kategorien in der Tradition Kants – sondern als historische Dispositive.

„Dieser Vermeidungsprozess ist zugleich der Erfahrungsbildungsprozess des Sozialen, der an den Anfang eine Menschenwelt gesetzt hatte.“

Dieser Erfahrungsbildungsprozess des Sozialen führt für Theoretiker wie etwa Foucault zu dem Problem, dass sie irgendwie zeigen müssen, wie denn diese Entstehung und Erarbeitung von neuen Möglichkeitsbedingungen des Beobachtens zustände kommt, wenn Gott, Subjekt und Genie ausfallen, weil sie sich wie Spuren im Sand verloren haben und damit nicht mehr in Anspruch genommen werden können. Die Antwort von Foucault war in die Archive zu gehen und das, was er dort fand, gewissermaßen ‘nur’ zu präsentieren, also die Archive und nicht mehr das Subjekt zum Sprechen zu bringen. So wie ich Klaus Kusanowsky verstehe, hat das Internet für ihn eine ähnliche Funktion, wie das Archiv für Foucault. Da stellt sich etwas aus Kommunikationen, Beleidigungen und allen möglichen Experimenten her – oft nur als Optimierungen eigentlich schon bekannter Lösungen, aber auch so etwas kann in etwas Neues umschlagen – da stößt, formt und sucht sich Gesellschaft neu und Kusanowsky versucht das, was da geschieht zur Sprache zu bringen, dort wartet er auf Antwort.

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