„Gesellschaft kennt keine Zeugen. Und diejenigen, die man verdächtigen könnte, welche zu sein, werden ihre Zeugenschaft immer verrästeln, maskieren, leugnen, widerlegen oder, wenn es nicht anders geht, ironisieren und sabotieren. Corona als Beobachter informiert darüber, dass Gesellschaft als zeugenloser Beobachter in Frage kommt: Keiner hat die Krise gemacht, sie betrifft weltweit jeden und fast alles. Wer dann aber über Gesellschaft Kenntnisse verbreitet, muss sich gefallen lassen, ein Mensch zu sein.“ Klaus Kusanowsky am 4. April 2020 auf Twitter (@testa_alfred)
Die gesellschaftliche Entwicklung ist im Normalfall ein Geschehen, das sich weit von unserer Hardware – also von der Sicherung unseres unmittelbaren Überlebens – abspielt, doch dieser Normalfall ist im Augenblick durch ein Virus ausgesetzt. Für alle modernen funktional differenzierten Gesellschaften heißt der Normalfall, dass ihre Evolution auf Software oder anders ausgedrückt auf Fiktionen beruht. Diese Fiktionen werden jeweils systemintern kommunikativ hergestellt und ringen dann in der Auseinandersetzung der verschiedenen Funktionssysteme um für ihr Funktionieren notwendige Ressourcen. Im politischen System richtet sich Kommunikation an der Funktion ‘kollektiv bindende Entscheidungen bereit zu stellen’ aus und die Annahme dieser Entscheidungen durch das symbolisch generalisierte Medium »Macht« wahrscheinlicher zu machen. Politik, die deren Zuteilung regelt, schließt nur an Aussichten auf Machtgewinn bzw. Drohungen von Machtverlust an, alles andere ist irrelevant. Diese Drohung muss nicht explizit ausgesprochen werden, es „reicht, wenn die Vermeidungsalternative in der doppelten Kontingenz strukturell aktualisiert wird. Wenn z.B. keine Unterstützung für die Autoindustrie [bereit gestellte wird] dann kann das zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, zum Abfluss von Kapital oder zum Abdriften von Ingenieurs-know-how. Das reicht als Drohung völlig aus, um Macht zu aktivieren. Der demokratische Staat unterscheidet sich vom autoritäten nur darin, dass er die Machtdrohung anderer nicht selbst vermeidet, sondern herausfordert: Wer vom Staat etwas will, muss ihm drohen können, weshalb der Staat sich dafür engagiert das anderen Machtapparaten zu ermöglichen. Dazu zählen alle Organisationen, die genügend Unsichterheit absorbieren: Parteien, Industrie, Konzerne, Verbände, Gewerkschaften, Handelskammern usw. Demokratie heißt eigentlich nur: Ausweitung des Machtspiels und: prinzipiell darf keiner davon ausgeschlossen werden. Als Machtdrohung kommt alles in Frage, was eine Vermeidungsalternative hervorruft: Wenn kein Hochwasserschutz, dann kann es sein, dass …, also muss Hochwasserschutz hergestellt werden, wenn die Drohung von organisierter Macht erwartbar ist. Bei der Coronakrise ist das passiert: auch Wissenschaft ist vermachtet, aber kann nur selten eine Machtdrohung vorbringen, deshalb kann sie von der Politik finanziell deprimiert werden. Sie hat normalerweise nichts, woraus sich eine Vermeidungsalternative ergibt.
Sie kann nur regelmäßig warnen, Alarm schlagen, aber weil das regelmäßig geschieht und niemals kurzfristige Folgen hat, kann der Alarmismus der Wissenschaft von der Politik mit Betäubungsrhetorik verwaltet werden: »Ja, wir brauchen mehr Geld für Wissenschaft und Forschung blablabla«.“
Diese Analyse des Kampfes um politische Ressourcen stammt von Klaus Kusanowsky, der den Begriff der „Vermeidungsanalyse“ von Niklas Luhmann bezieht[1]. Die augenblickliche Krise entsteht jedoch nicht dadurch, dass Wissenschaft oder Gesundheitssystem der Politik unbedingt zu vermeidende Alternativen präsentieren und damit Ressourcen für sich zu erwirtschaften suchen – das wäre das normale Geschehen, das Kusanowsky richtig beschreibt -, sondern durch den Einbruch eines gesellschaftlich ‘Außerirdischen’, des Virus, das menschliche Leiber und Psychen bedroht, ohne deren Beteiligung kein gesellschaftliches Funktionssystem weiter bestehen könnte.
Nur weil hier eben nicht ein Funktionssystem seine Eigeninteressen auf Kosten anderer Funktionssysteme durchsetzen möchte, sondern weil alle Leiber und Psychen – modern Individuen – gleichermaßen bedroht sind, kann das politische System sich absolut setzen und sich mit dem Kampf gegen den Tod verbünden, brutale Komplexitätsabbrüche erzwingen und die Selbstorganisation der verschiedenen Systeme weitgehend außer Kraft setzen um mit politischer Organisation an deren Stelle zu treten.
Wir erfahren plötzlich, dass das Einkommen des Einen das Einkommen aller Anderen ist und noch glaubt Politik in verzweifelter Hybris, sie könne für all diese Verluste aufkommen, weil sie Verlust selbst nicht denken und schon gar nicht durch politisches Handeln zumuten möchte. Den Verlust von Leben zu denken und abzuwägen ist etwas, worauf nur Militärs trainiert sind, aber eben nicht Politiker, die sich in Phrasen von ‘Schicksal’, dass man jetzt ‘auf Sicht fahren’ und ‘von Tag zu Tag’ entscheiden müsse, flüchten. Auch unsere Verfassungsordnung, darauf haben etwa Uwe Volkmann, Ulrich Battis oder Wolfgang Schäuble hingewiesen, erlaubt es nicht Leben gegen anderes Leben abzuwägen, da nicht das Leben selbst, sondern ein Leben in Würde höchster Wert unserer Verfassung ist. Die Frage danach, was allerdings ein Leben in Würde sei, verschiebt das Problem und wird sehr unterschiedliche Auffassungen zu Tage bringen. Es kann aber jedenfalls nicht darum gehen, wie der autoritär denkende und handelnde Markus Söder forderte: „Jede Infektion, jeder Tote ist zu viel. Unser oberstes Gebot ist, die Menschen zu schützen. Und ich sage deutlich: auch vor sich selbst.“[2] Würde Söder tatsächlich meinen, was er sagt, dann kämen wir in einen Präventions- und Gesundheitsstaat, der jedes Risiko ausschließen und Menschen zu Legehennen degradieren würde. Der radikale Gegenentwurf dazu wäre ein heroisches Narrativ: Tod und Verluste zu denken, abzuwägen und in Kauf zu nehmen, um mehr Tode und Verluste dadurch abzuwenden. Doch eine solche auf den Menschen und sein gutes Leben bezogene Politik ist Vergangenheit, romantisches 19. Jahrhundert, das gleichwohl als eine sentimentale Lage unseres Kollektivbewusstseins fortlebt. Real leben wir im Zeitalter der Kybernetik, wo es um Rückkoppelungen, Abweichungsverstärkungen und Ungleichgewichtszustände geht, in denen der Mensch nur noch Beteiligter ist und nicht mehr Steuermann. Möglicherweise jedoch werden wir unter all den anderen Regressionen auch noch eine Regression ins 19. Jahrhundert erleben, obwohl die Antwort des 21. Jahrhunderts in Südkorea, Hong Kong oder Taiwan, aber auch in Australien, Neuseeland, Griechenland oder Island doch vorgemacht wurde.
Im Moment erlauben wir einem Hardwareproblem – also Sars-CoV-2, das unsere Zellen umprogrammiert – uns Routinen aufzuerlegen, die völlig ungewohnt sind. In dieser Lage wird Lernen – ganz hegelianisch – durch Realität erzwungen, also durch ein Problem das gegenüber seiner ideologisch-fiktionalen Verneinung – da, wo Politik versucht den Normalfall durch Verneinung aufrecht zu erhalten – hartnäckig wiederkehrt. Man könnte darauf entgegnen, dass die Hardware, also das Virus, das eine sei, wie Gesellschaft antwortet, jedoch etwas ganz anderes. Das stimmt – allerdings vor allem im Normalfall. Im Ausnahmefall scheint die „Antwort der Gesellschaft“ kaum mehr Freiheitsspielräume zu haben. Und vor unseren Augen vollzieht sich weltgesellschaftlich derselbe Lernprozess auf dasselbe Problem und unterzieht die verschiedensten Kulturen und Traditionen einem vergleichenden Stresstest. Die Antwort auf das Virus ist zunehmend überall dieselbe oder eben Verweigerung dieser Antwort und dann hohe „Übersterblichkeit“ und wenn das Gesundheitssystem schlecht aufgestellt ist, dessen Zusammenbruch.
Es gibt also aus der Krise relativ wenig zu lernen, nur dies, dass es immer noch Hardware gibt, die (noch) nicht umzuprogrammieren ist. Wenn das eines Tages der Fall sein sollte, dann kehren wir zurück zum freien Machtspiel, zum Wettstreit der Fiktionen und dann gibt es wieder etwas zu lernen. Bis dahin werden wir noch viele Schleiertänze erleben, wird sich noch mancher Intellektuelle um Kopf und Kragen reden, werden noch viele ihre eigene Uneinsichtigkeit mit intellektuellem Geschwurbel zu verdecken suchen.
Unter dem erklärten Ausnahmezustand vollzieht sich auch ein relativ ungewöhnliches Ausweichen der Politik auf Legitimation ihrer Entscheidungen durch Experten, auf wissenschaftsgeleitete Politik, was im gesellschaftlichen Normalfall im Grunde eine Bankrotterklärung wäre. Das Problem wird in der Coronakrise dadurch verschärft, das aber auch die Experten, die Empfehlungen geben sollen, wie aus dem angeordneten Lockdown der Gesellschaft wieder herauszukommen wäre, im Grunde keinen Rat wissen, wie die Leopoldinastudie vor Augen führte.
Politik tut sich mit überzeugtem und damit für ihre Wähler überzeugendem Handeln extrem schwer, weswegen sie entgegen ihrem Selbstverständnis auf Wissenschaftler zurückgreifen möchte. Helmut Kohl soll auf die Kritik von Ökonomen einmal geantwortet haben, dass er sich nicht für den Wirtschaftsnobelpreis sondern für das Bundeskanzleramt bewerbe. Das ist die typische Haltung von Politik, die sich Sachorientierung nur soweit erlauben kann, wie diese für größere Wählerpotentiale akzeptabel ist. Sie muss ja immer auch Zustimmung organisieren sowohl in Richtung auf Gesellschaft als auch parteiintern und Gegner neutralisieren. Nun wissen aber auch die Akademien und Wissenschaftler nicht viel weiter, zumal die Herstellung ‘kollektiv bindender Entscheidungen’ eben nicht ihr Metier ist. André Kieserling schreibt einmal sehr schön über Politiker: „An der Politik als Beruf, von der Max Weber vor genau einhundert Jahren sprach, muss auffallen, dass es ein Beruf ohne Berufsausbildung ist. Aber zum Ausgleich dafür ähneln die Situationen, in denen der Politiker sich bewähren muss, um hinaufzugelangen, denen, die er im Spitzenamt einmal vorfinden wird. Auch dort wird er es mit Gegnern zu tun haben, auch dort wird er eine loyale Gefolgschaft brauchen. Der große Politiker wird für seine Aufgabe also nicht erzogen, wohl aber sozialisiert.“[3]
Zum Soziologen, Ökonomen oder Virologen wird man dagegen durchaus erzogen. Der Wahn von Politikern Doktortitel erlangen zu wollen, ist da nur ein weiteres Zeichen, wie unsicher sich viele Politiker heute ihrer Aufgabe sind.
Mein Eindruck ist, dass anlässlich des Coronavirus die Gesundheitssysteme der reichen Länder einen Krieg gegen alle anderen begonnen haben. Und das nicht mit Absicht, sondern einfach aus Gedanken- und Perspektivlosigkeit. Man muss sich dazu nur einmal die folgenden beiden Äußerungen gleichzeitig vergegenwärtigen. Die erste stammt von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der ohne Erröten sagt, dass er eine Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus aus wirtschaftlichen Gründen ablehne. „Ich wende mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen muss, damit die Wirtschaft läuft“, sagt Scholz der „Bild am Sonntag“. „Solche Abwägungen halte ich für unerträglich.“ Ein Abbau der Maßnahmen dürfe nur nach medizinischen, niemals nach ökonomischen Kriterien erfolgen. „Ich rate allen dringend davon ab, eine Lockerung an wirtschaftliche Fragen zu knüpfen.“[4]
Wie einseitig und für einen Sozialdemokraten eigentlich beschämend fast zynisch solche Bemerkungen sind, kann man sich klar machen, wenn man Äußerungen etwa von Alicia Bárcena, Exekutivsekretärin der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) dagegen hält: „Wir haben berechnet, dass ein Rückgang der Wirtschaft [in Lateinamerika] um 1,8% einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 10 Prozentpunkte zur Folge hätte. Dies hätte starke Auswirkungen auf die ärmsten Familien und auf die Ungleichheit. Tatsächlich schätzen wir, dass mit diesem Rückgang des BIP und dem Anstieg der Arbeitslosigkeit die Zahl der in Armut lebenden Menschen von 185,9 Millionen auf 219,1 Millionen steigen würde. Und in extremer Armut würden sie von 67,5 Millionen auf 90,7 Millionen ansteigen. Mit anderen Worten, ja, wir sprechen von einer sehr starken Auswirkung auf die Haushalte, auf Einzelpersonen, auf kleine und mittlere Unternehmen und auf die Selbständigen.“[5]
Aber Olaf Scholz hat eben nur auf deutsche (und in Deutschland lebende) Leben einen Amtseid geschworen, woraus ihm kein Vorwurf zu machen ist, wohl aber daraus, dass er im Ernst meint, er könne anderen vorwerfen ‘zynisch’ zu sein, Es geht eben nicht um ‘Leben’ gegen ‘Wirtschaft’, sondern um ‘Leben’ gegen ‘Leben’ oder auch um ein ‘Leben in Würde’, denn für viele Menschen auf der Welt bleibt ohne die Möglichkeit wirtschaftlicher Aktivitäten weder Leben noch Würde.
Nur um nicht falsch verstanden zu werden: ich glaube durchaus, dass der Shutdown für einen Monat oder zwei Monate verständlich war, um Gesundheits- und Gesellschaftssysteme vorzubereiten und Zeit zu geben, das Verleugnen einzustellen. Die Frage muss dann aber doch sein, wie es wieder weitergehen kann? Und auf keinen Fall ist es angemessen – wie augenblicklich allenthalben von Seiten der Politik gefordert -, doch bitte keine Diskussionen über Exitstrategien oder Rechtsstaatlichkeit zu führen … jetzt sei die Stunde der Exekutive.
Auf der anderen Seite kann es gegenüber dieser Exekutive nicht die Aufgabe der Stunde sein, den Triumphgesang irgendeiner zu bestätigenden Theorie anzustimmen, die man schon immer gehabt hat, sondern Kritik zu üben. Kritik bedeutet Unterscheidung und Grenzbestimmung. Wir sind kollektiv in der Krise, das heißt, an einem Grenzpunkt angekommen, wie Pravu Mazumdar zu Recht bemerkt. Nicht “Kritik” im Sinne von derailing, von ich sage A und du B und ich ‘A, aber’ und du ‘B, aber’, sondern in dem vielen ‘Quatsch’ und all den ‘Beleidigungen’, die wir jetzt und schon seit langem erleben, den Ausdruck eines ansteigenden Ordnungsverlustes zu sehen und dort die sich andeutenden neuen Grenzziehungen zu suchen
Deshalb kommt es darauf an, die systembedingte Grenzen der Politik, des Gesundheitswesens, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Medien angesichts der verordneten kollektiven Quarantäne, zu inventarisieren und funktionale Folgeeinschätzungen zu artikulieren. Jedes System ist eben nicht nur operativ geschlossen, sondern zugleich auf Leistungen aller anderen Systeme angewiesen. So hat sich in einem langen historischen Prozess Recht als die hauptsächliche Instanz der Disziplinierung und Begrenzung von Macht herausgebildet, weil wir Macht als Staatsmacht begreifen gegen deren Allmachtsansprüche es Rechtsmittel zu erwerben und zu sichern galt. Nun tritt erstmals Wissenschaft als eine konkurrierende Instanz der Machtbegrenzung auf und es ist interessant, dass in diesem Augenblick – eigentlich historisch relativ unwahrscheinlich – die Kanzlerin Deutschlands eine Wissenschaftlerin ist. D.h. im Selbstverständnis vieler handelnder Politiker ist es möglicherweise erstmals nicht Recht, welche Politik außer Kraft setzt, sondern Wissenschaft, die Recht und Politik außer Kraft setzt. Da tut sich ein neuer Konflikt jenseits der klassischen Konflikte Kapital und Arbeit, Politik und Recht auf. Selbst in vergangenen Kriegen war ja Wirtschaft und Wissenschaft (in diesen Tagen mit Ausnahme der Epidemologie und Virologie) nie derartig abgestellt, sondern nur teilweise umgebaut und in staatlichen Dienst genommen worden.
Anders als viele mache ich mir keinerlei Illusionen über langfristige ‘positive’ Effekt der Krise. Im Gesundheitssystem und im Management von Versorgungsketten wird es sicher ein paar Anpassungen geben, hoffentlich auch in Fragen der Verhältnismäßigkeit einer aus dem Infektionsschutzgesetz abgeleiteten Aussetzung allzu vieler Grundrechte, aber wir werden bestimmt keine Ökonomie erhalten, die nur noch auf mögliche Ausnahmezustände angepasst wäre. Das sind Illusionen von Feuilletonisten, die nicht mehr wissen, was sie schreiben sollen oder von ihren Redaktionen aufgefordert wurden jetzt doch mal etwas Positives abzuliefern. Es geht erst dann mit unserer Ordnung von Markt (Verträge) und Staat (Satzungen) nicht mehr weiter, wenn diese Ordnung an eigene interne Grenzen stößt und jenen längst bestehenden, aber in unserer Erfahrung noch nicht angekommenen Ausnahmezustand entdeckt, den das alltägliche Leben von Bürgern als Konsumenten normalerweise verdeckt. In solche Erfahrungen werden wir uns möglicherweise irgendwann verwickeln, aber der Pandemie gegenüber funktionieren die Betäubungsmechanismen von Politik und Gesellschaft augenblicklich noch recht gut.
Wenn man zum Beispiel liest, dass es durch die Verringerung der Anzahl von Verkehrsunfällen, von Verbrechen (außer den häuslichen), durch wesentlich verbesserte Luftqualität weltweit am Ende vielleicht sogar weniger Tote geben könnte als in ‘normalen’ Jahren, dann denkt man sich doch, dass ‘Totenzähler’ der Beruf der Stunde werden könnte.[6] Im Grunde geht es aber nur um Tote, an die wir schon gewohnt sind und die wir für unabänderlich halten im Unterschied zu Toten, an die wir uns noch nicht gewöhnt habe und auf die unser Gesundheitssystem noch nicht eingestellt ist. Das sind die Paradoxien unseres angeblichen „Humanismus“.
Wir lernen gerade, dass drastische Eingriffe in das funktional differenzierte Gefüge von Gesellschaft auch drastischere Folgen haben können als nur den Machtverlust von Politikern, die genau diesen durch eben jene Eingriffe zu verhindern suchen. Es gibt durchaus Veränderung, aber sie wird in der Regel nicht geplant, sondern stellt sich trotz unserer Planungen überraschend her, folgt ihrer eigenen Zeitlogik, sowie die Eigenzeit der Entfaltung des Virus auch von wissenschaftlicher Forschung eben nicht überholt werden kann. Manchmal schafft Veränderung sogar einen neuen Kalender. „Life is what happens while you’re busy making other plans.“
Und in jedem Fall ist es besser, wenn Veränderungen sich durch die normale Arbeitsteilung der Systeme vollziehen, anstatt von Politik mit Gewalt durchgesetzt zu werden. Die Maschine Gesellschaft ist zu komplex und zu unübersichtlich als dass wir sie reparieren könnten, indem wir frenetisch gegen sie schlagen, wie Alexander Kluge angesichts dieser Krise schön formulierte.[7] Wir müssen uns also weiter durchwursteln und auch in wissenschaftsgeleiteter Politik die alte Gefahr einer allzu interessengeleiteten Politik neu entdecken.
Um die Krise durch SARS-CoV-2 zu begreifen, muss man das bisher nur wenig gesicherte Wissen über Zahlen – also all die Spekulationen darüber, ob es am Ende des Jahres mehr oder weniger Tote als in ‘normalen’ Jahren geben wird – von dem erfahrungsgesättigten Wissen von zusammenbrechenden Krankenhaussystemen in China, Europa und inzwischen auch den USA unterscheiden. Wir lernen, dass System und Organisation sich immer durchsetzen (in diesem Fall Gesundheitssystem, Politik und Mediensystem). D.h. es werden nicht deswegen alle anderen Systeme auf die Rettung von Leben verpflichtet, weil es an sich um Leben ginge, sondern deswegen, weil es um die Bedrohung eines Funktionssystem geht. Wir legen nicht das Verkehrssystem lahm, weil es da Tote gibt, denn diese bedrohen nicht die Funktion des Systems und das Klima wird uns auch erst dann wirklich beschäftigen, wenn Systeme in ihrer Funktion zusammenzubrechen drohen. Anders augenblicklich im Gesundheitssystem, wo die übergroße Zahl gleichzeitig Kranker den Code krank/gesund aufrufen und das System regional zum Zusammenbruch bringen. Katastrophenfälle und Krankheit erzwingen Komplexitätsreduktion und das gilt auch für die ‘Krankheit des Gesundheitssystems’. Da das Gesundheitssystem sich nicht primär auf Kommunikation bezieht, sondern auf die Umwelt von Kommunikation, nämlich Menschen in ihrer psychischen und leiblichen Existenz, weist es zusätzlich darauf hin, dass alle Gesellschaftsysteme auf die Beteiligung von Menschen angewiesen sind. Und nur weil diese Beteiligung in allen Funktionssystemen bedroht ist, reagiert Politik so entschieden. Alle Systeme sind wechselseitig auf Leistungen und Funktionen anderer Systeme angewiesen, so dass der Zusammenbruch des normalen Funktionierens eines Systems, das den Menschen in seiner leiblichen Existenz zur Aufgabe hat, auch für die anderen Systeme höchst bedrohlich ist. Die Politik und die regierenden Parteien wissen, sie würden politisch haftbar gemacht und Verantwortung übernehmen müssen, die Wirtschaft weiß, dass ihre Angestellten massenhaft nicht mehr zu Arbeit kämen und dass es dramatische Kaufkrafteinbrüche gäbe, wenn man das Virus einfach so durchlaufen ließe, das System Familie würde revoltieren, da es nicht akzeptiert könnte, einfach eine ganze ältere Generation der nächsten Angehörigen zu ‘opfern’, das Schul- und Hochschulsystem käme ebenfalls zum Erliegen, da Lehrkräfte aus Angst um ihre Angehörigen zu Hause blieben usw. usf.
Ich glaube allerdings auch, dass die Zahl der Toten und schwer Geschädigten dadurch, dass die Weltwirtschaft zu großen Teilen in ein Koma versetzt wird, durchaus höher sein könnte als die der Toten, die im Gesundheitssystem selbst entstehen. Aber menschliches oder wirtschaftliches Wohlergehen oder auch psychische und leibliche Gesundheit sind eben nicht die entscheidende Werte im Funktionssystem Gesellschaft, das keinem obersten Wert und nur aus der Perspektive des Rechtssystems dem der „Würde des Menschen“ folgt, sondern in dem einfach Operation an Operation anschließt. ‘Gesundheit’ bzw. ‘Krankheit’, ‘Recht’ oder ‘Unrecht’, ‘gewählt werden’ oder ‘nicht gewählt werden’ und ‘Zahlungen erhalten’ wie ‘leisten’ sind nur Werte von Teilsystemen der Gesellschaft, die augenblicklichlich in einer allerdings tragisch zu nennenden Weise kollidieren. Es zeigt sich hier nur noch einmal nicht der Anti- sondern der Ahumanismus einer Welt die – wie ich glaube zu Recht – erst systemtheoretisch beobachtet einigermaßen durchschaubar wird.
Politik und zunehmend auch einzelne Akteure in der Gesellschaft beklagen sich nun ähnlich wie schon nach und während der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009, dass die Wissenschaft – damals die Wirtschaftswissenschaft – heute die Virologie und Epidemiologie sie nicht ausreichend gewarnt bzw. ihr nicht ausreichend Informationen zur Verfügung gestellt habe. Es nutzt aber nichts und ist nur eine weitere Spielart von blamegames sich an Virologen abzuarbeiten, die alle auch nur in einer Jahrhundertsituation unter begrenztem Wissensstand nach bestem Wissen und Gewissen den Stand ihrer Überlegungen mitteilen. Und was den angeblichen Wechsel der Kriterien für ein Ende der Zwangsmaßnahmen betrifft, so ging es erst einmal darum, das exponentielle Wachstum zu stoppen, was in der Verdoppelungszahl gefasst wurde. In dieser Hinsicht können wir von Glück sagen, dass wir schon die Bilder aus Italien hatten und die Bevölkerung – längst bevor der Lockdown offiziell erklärt wurde – zuhause blieb. Seitdem dieses Wachstum sehr verlangsamt ist, geht es nun darum, die Neuinfektionen soweit unter die Reproduktionszahl 1 zu drücken, dass individuelle Nachverfolgung (am besten noch durch eine tracing App unterstützt) wieder möglich wird, so dass wir schnell zu einem normalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zurückkehren können.
Da Gesellschaften keine Trivialsysteme sind, stellt sich allerdings die Frage, was sich überhaupt durch eine veränderte Informationssituation ändern würde? Was sind die Alternativen: besser informiert sein? Nein, dazu ist die Welt zu komplex und keine Karte kann je die Landschaft ersetzen. Also bleibt als Alternative doch nur, darüber informiert zu sein, dass wir schlecht informiert sind (was ohnehin einem verbreiteten Urteil entspricht). Wir sind aber nicht einfach irgendwie ‘schlecht’ informiert, sondern gewissermaßen ‘systemisch schlecht’ informiert. D.h. es geht nicht besser, denn „all das mündete schließlich in der Ausweitung und Verschärfung von Risiken globaler Kommunikationsprobleme. Weltweit wachsen Regionen und Bevölkerungsgruppen durch schnellere Transportmittel und Massenmedien zusammen. Es entsteht ein globales Netz von Finanzströmen, arbeitsteiligen Produktionsprozessen und Datenströmen, ohne, dass noch empirische Möglichkeiten der Integration auffindbar wären.“[8] Die Wirklichkeit von einstmals göttlich gesichertem Wissen wird durch die sich immer scheller vervielfältigende und unendliche Möglichkeit von weiterem Wissen ersetzt und so kann Handeln prinzipiell nicht mehr auf vorgeschaltetem ‘richtigen’, ‘gesicherten’ Wissen begründet werden. Da jedoch weiterhin alle Funktionssysteme auf die Beteiligung von Menschen angewiesen sind und deren Alltagsverständnis hartnäckig davon ausgeht, dass es einerseits auf Wissenshierarchien und andererseits auf Durchgriffshierarchien von herausgehobenen Menschen ankommt, deren Kommunikation von Entscheidungen wiederum auf der Auswahl von Informationen beruhen, ist nur schwer zu sehen, wie sich etwas anderes durchsetzen könnte?
Nun zeigt sich in dieser Krise allerdings, dass politische und wissenschaftliche Entscheidungen einem driftunterliegen, dem sich offenbar kein Entscheidungsschauspieler dauerhaft entziehen kann. Es wird durch die massive Störung des Virus eine darauf reagierende Selbstorganisation von lebensentscheidender Information und Wissen sichtbar, die imperativ ist und die die Arbeitsteilung der Funktionssysteme zumindest zeitweise erheblich zu stören vermag. Man hatte einmal den Schamanen, Gott oder den König anrufen oder wenigstens fliehen können. In der Weltgesellschaft findet sich jedoch kein hortus conclus mehr, keine Einsiedelei, die nicht betroffen wäre und als Zuflucht bleiben eben nur die Systeme und Organisationen, von denen wir jeweils gerade umschlossen sind, etwa Wissenschaft, Wirtschaft, Technik, Politik oder Büro, Labor, Krankenhaus unsoweiter undsofort. Deren Realitätskontakt ist jedoch immer nur äußerst schmal und außerdem lösen sie sich füreinander in wechselseitige Informationsdefizite auf, über welche deren Akteure sich dann in Konferenzschaltungen gegenseitg informieren, was von Massenmedien wiederum dem staunenden Publikum mitgeteilt wird.
Wie Weyma Lübbe zu Recht bemerkt, rettet Gesellschaft „»nicht, weil diese Menschen etwas wert sind für die Retter«, sondern weil es um die Folgen aus der Position jedes einzelnen Betroffenen geht: »Die Gesellschaft rettet Menschen, weil sie [also, die einzelnen Menschen] weiterleben wollen.« Dieser Nutzen sei »nicht über Personengrenzen [und auch nicht über Funktionssysteme] hinweg gesellschaftlich aggregierbar«.“[9] Der Imperativ des ‘leben wollens’ steht quer zur Funktionslogik und ist wahrscheinlich glücklicherweise nicht abstellbar, kann aber andererseits auch zum Brandbeschleuniger werden.
D.h. Fragen von Leben und Tod bergen die Gefahr in sich zu brutalen Entdifferenzierungen und Komplexitätsreduktionen zu führen, weil Gesellschaft und vor allem das politische System versucht sein können, nicht mehr im Modus von Vorsorge und abwägender Gesetzgebung zu agieren, sondern im Modus des Katastrophenfalls. Ist die Katastrophe erst einmal erklärt, dann werden alle Ressourcen aufgeboten, um sie mit möglichst wenig Opfern zu überwinden und auf ‘zivile‘ Opfer – wie andere Funktionssysteme und deren Beteiligte – wird nur sehr begrenzt Rücksicht genommen. Unter anderem auch wieder wegen eines prinzipiellen Informationsdefizits darüber, wie deren geordnetes Weiterfunktionieren überhaupt herstellbar wäre? Denn davon weiß man ja nur im Normalfall, den man jedoch unter dem Überfall der Ereignisse aufgegeben hatte, so dass man nun von Folgeereignissen überfallen wird. So wurde man zuerst überfallen und wird dann vielleicht noch auf der Straße liegend von einem Auto überfahren.
Wer hier auf Rettung hofft, der versteht nicht, dass es in modernen Gesellschaften nicht auf Handeln, sondern auf ‘Nicht-handeln-müssen’ ankommt, weil der Souverän, der Gesellschaften zu ihrem Wohle lenken könnte, mit Magie, Ahnen, Schicksal, Gott und Subjekt gestorben ist. Was übrig blieb, sind Spuren, schlechte Gewohnheiten, Viren und Geister, die uns mit Präzisionswaffen aus irgendwelchen Fenstern in Schulen oder Einkaufscentern überfallen. Nichts hilft mehr außer Vertrauen in die Funktionssysteme und Hoffnung auf Evolution. Und wir waren ja schon immer Systemen unterworfen, nur hießen sie Magie, Ahnenkult, göttliche Ordnung, himmlisches und irdisches Reich, und dann seit dem 18. Jh. langsam Vertrauen in Menschenvermögen und Menschenverstand (erstaunlich, wenn man bedenkt, was für zweifelhafte und wankelmütige Dinge das ist). Inzwischen wird mit Internet und Social Media Gesellschaft als weltweiter Zusammenhang aller Kommunikationen immer sichtbarer und es dämmert ein Tag, an dem wir unser Vertrauen in Maschinen und Systeme setzen, die von Algorithmen gesteuert werden, ja vielleicht sogar uns selbst in solche Maschinen, in Cyborgs verwandeln. Nach Luhmann gibt es bisher drei autopoietische Medien: Leben, Psyche und Kommunikation und in Zukunft – wenn wir Glück oder Pech haben, wer weiß das schon – vielleicht auch Maschinen und zwar genau dann, wenn diese mir das Wort abschneiden und sich selbständig in unser Gespräch einschalten und sagen: Arpe, das ist doch alles Quatsch, versuch es noch einmal, vielleicht so …
Ein Virus hat uns ergriffen und zeigt uns sein Medusenhaupt. Wir wissen nicht: sind wir die schlimmen Komplizen einer großen Menschheits- und Gesellschaftskatastrophe oder disziplinierte Staatsbürger, die in der sich ankündigenden und in manchen Regionen der Welt vollziehenden Krise des Gesundheitssystems ihr Bestes geben, um diese abzuwenden? Wir wissen nicht: erzeugen wir gerade die Katastrophe, indem wir die Krise eines der Funktionssysteme zu verhindern suchen? Katastrophen können zu brutalen Komplexitätsabbrüchen und Entdifferenzierungen führen nicht nur in sachlicher Hinsicht: es gibt nur die prioritären Ansprüche des Gesundheitssystems, sondern auch in sozialer Hinsicht: andere Funktionssysteme und deren Teilnehmer können nur noch erleben und nicht mehr handeln und in zeitlicher Hinsicht: es gibt nur noch prinzipiell unbeherrschbare Gleichzeitigkeit, so dass die ungeheure Zusammenziehung von Ressourcen und Aufmerksamkeit auf ein Problem gleichzeitig woanders möglicherweise viel größere Ausfälle erzeugt, die wir gar nicht mehr sehen können, da unsere Aufmerksamkeit buchstäblich gefesselt ist. D.h. wir berauben uns der Möglichkeit noch auf eine unbekannte, sich aber ankündigende Zukunft zu reagieren und aus bekannen Vergangenheiten zu lernen. Niemand weiß, ob das gut geht, aber ein Virus hat uns ergriffen und plötzlich war es möglich geworden, bekanntes Terrain zu verlassen, alle Regeln koordinierten internationalen Handelns aufzugeben, haushaltspolitische Vernunft und rechtliche Selbstbegrenzung fahren zu lassen – gewiss zeitlich begrenzt – aber auf welcher Faktengrundlage mit welcher normativen Rechtfertigung, mit welcher Zukunftsgewissheit? Wir lernen gerade: wir sind nur Menschen. Plötzlich ist gesellschaftlich alles möglich, was sonst – unter Hinweis auf katastrophale Folgen – für unmöglich erklärt wurde. Wir folgen auf einmal Medusa und nicht mehr Euryale.[10] Der Tod hat uns ergriffen, das Leben muss warten.
[1] Klaus Kusanowsky (alias Alfred Testa) auf Twitter, 21.4.2020 und Luhman, Niklas, 2000: Die Politik der Gesellschaft, S. 48
[2] https://www.idowa.de/inhalt.bayern-soeder-laedt-zu-pressekonferenz-weitere-beschraenkungen.30b2d0e7-45cf-465b-9dc2-c3d8c777ac07.html
[3] André Kieserling, Ungerechte Entlohnung?: Warum Chefs mehr verdienen, auch wenn sie nicht mehr leisten, FAZ, 05.03.2019
[4] https://www.spiegel.de/politik/ausland/trump-riegelt-corona-hotspots-nicht-ab-mehr-als-2000-tote-a-4239f924-ae21-4653-a45b-6117a0ca8415
[5] https://www.bbc.com/mundo/noticias-america-latina-52048856
[6] https://www.brookings.edu/blog/future-development/2020/03/23/a-mortality-perspective-on-covid-19-time-location-and-age/
[7] https://www.monopol-magazin.de/interview-alexander-kluge-corona
[8] Klaus Kusanowsky (Oktober 2010) – Kritik und Konkurrenz, Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft, in: Differentia (24.10.2010): https://differentia.wordpress.com/2010/10/24/kritik-und-konkurrenz-uberlegungen-zur-empirieform-der-modernen-gesellschaft/
[9] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-und-die-wirtschaft-was-darf-ein-leben-kosten-a-29353c88-18f7-4677-9b6a-210aed574386
[10] Luhmann, Niklas (1991): Sthenographie und Euryalistik. In: Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, K. Ludwig (Hrsg.): Paradoxien, Dissonanzen und Sinnzusammenbrüche. Frankfurt am Main. S. 58 – 82
